Meine größten Ängste und mein Geheimnis

Schatzkiste meiner Lebenserkenntnisse

"Warum ist mir alles zu viel?", "Wie kann ich in dieser Welt (über)leben?", "Welcher Beruf ist der richtige?". Fragen, die mich beschäftigten ab dem Erwachsensein.

Mein Maturajahr. Zeit für eine Berufswahl. Zeit, mich für ein Studium zu entscheiden.

Ich saß mit meiner Mutter um unseren Esstisch, weinte und schluchzte: "Alle wissen was sie machen wollen, nur ich nicht." Ich war verzweifelt, unglücklich und nicht zu trösten. Ich wälzte den dicken Studienführer. Vor, zurück. Vergeblich. Es war nichts dabei, worauf ich ansprang. Dazu kam, dass ich mir tausend Gedanken machte, was andere - vor allem mein Vater - von mir denken und erwarten.

Es soll was G'scheites sein. Ein Beruf, der angesehen ist. Von dem man gut leben kann.

Jus, Medizin, Wirtschaft. Die Richtungen die zur Auswahl standen. Alles, nur nicht erfüllend. Ich fühlte mich falsch und habe verzweifelt nach der einen Ausbildung gesucht, die meinen Hunger nach Sinn und Freude stillt.

Ich wählte Pharmazie. Eine Entscheidung aus dem Kopf.

Meine Verbindung zum Bauchgefühl und zur Herzensweisheit habe ich irgendwann verloren. Als ich versuchte, mich an die Rahmenbedingungen, die für die Mehrheit geschaffen wurden, anzupassen:

Ein ständig funktionierender, allzeit belastbarer, arbeitssamer Mensch zu sein.

Zurück zu Pharmazie. Ich merkte sofort, dass das nichts für mich ist und habe nach einer Woche auf Landwirtschaft umgesattelt. Die Richtung war definitiv interessanter, aber ich hatte ein Problem mit Wien. Genau genommen mehrere Probleme: laut, viele Menschen, stickige Luft, beengt. Ich konnte die Flut von Sinneseindrücken nicht bewältigen und verarbeiten. Ich war überfordert und gestresst. Allein die Anreise von St. Pölten in den Türkenschanzpark erschöpfte mich. Ich brauchte Rückzug und Stille. Ich war unglück.

Es machte alles keinen Sinn. Ich hatte kein Ziel vor Augen. Ich hatte keine Freude an der Sache. Nur das Gefühl, nicht gemacht zu sein für diese Welt.


Diese Fragen und Themen beschäftigten mich

  • Warum ist mir alles zu viel?
  • Wie kann ich in dieser Welt (über)leben?
  • Was ist meine Aufgabe im Leben?
  • Welcher Beruf ist der richtige?
  • Wie kann ich mich von dem Druck, den Erwartungen und dem System befreien?
  • Wie kann ich mit den zu hohen Anforderungen zurechtkommen?
  • Was ist los mit mir?
  • Wer kann mir helfen?

Ein Jahr später. Ich wechselte nochmals das Studium.

Diesmal in St. Pölten und ein Fachhochschulstudium (kein Universitätsstudium): Medientechnik. Ich zog es durch. Es machte mir Freude, obgleich ich spürte, es gibt etwas, das mehr meins ist. Mich richtig begeistern würden. Die Rahmenbedingungen waren diesmal angenehmer für mich: kurze Anreise, wenig Studierende (die Fachhochschule hatte neu eröffnet), Gebäude im Grünen, Übungen in kleinen Gruppen, hinreichend Pausen. Ich hatte genug Rückzugsmöglichkeiten und Freiraum. Dennoch war es nicht leicht, die Flut von Sinneseindrücken zu bewältigen.

Wenn ich täglich Stimmungen erfasste, Menschen hinter ihrer Maske erfühlte und mit unzähligen Störfaktoren konfrontiert war (permanente Geräuschkulisse, verschiedenartige Gerüche, Radio, mehrere Reize gleichzeitig), war ich überfordert und erschöpft. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

Mit dem Studium in der Tasche machte ich mich selbständig.

Mein Interesse an der Medienbranche war mit der Zeit im Abflauen und ich legte mein Gewerbe nach drei Jahren still. Ich stieg um ins Angestelltenverhältnis. Mein Weg führte mich über verschiedene Stationen und Branchen: Marketing, Projekt- und Produktmanagement, Forschung, Lebensmittelbereich, Werbung, Bildung.

Bei meinen Jobs als Angestellte stand im Vordergrund, den Erwartungen zu entsprechen, zu funktionieren und mit den Rahmenbedingen zurechtzukommen: 9-to-5, Großraumbüro, Reizüberflutung durch Telefon, E-Mail, Kollegen, kein bisschen Frischluft, null Tageslicht, keinerlei Rückzugsmöglichkeiten, sehr wenig Pausen, sehr kurze Ruhephasen. Ich überlies nichts dem Zufall und bereitete mich auf jede Situation vor, um ja nicht "erwischt" zu werden. Ich erhob kaum Anspruch auf meinen Erfolg und schmälerte den Wert meiner eigenen Leistung, denn

ich fühlte mich wie ein Universaldilettant, der nichts wirklich richtig kann, sondern nur viel, und das durchschnittlich.

Ich entwickelte die Fähigkeit, mich an jede Situation anzupassen, um mich ja nicht unangemessen zu benehmen, hingegen Anerkennung zu erhalten. Ich unterdrückte meine eigene Persönlichkeit und war immer bemüht, die (oft nur vermuteten) Anforderungen anderer zu erfüllen. Dazu kam: Kaum wusste ich, wie der Hase läuft, war mir langweilig und ich wollte etwas Neues ausprobieren. So wechselte ich von einem Betrieb zum anderen. Meine Familie machte sich Sorgen. "Denk an deinen Lebenslauf.", "Wie sieht das denn aus wenn du laufend eine andere Arbeit hast.", "Du kannst doch nicht kündigen ohne eine Arbeit in Aussicht zu haben.". Mir war es egal. All meine Sinne waren überlastet, mein Körper verlor an Kraft und meine Lebensfreude verschwand. Ich kam immer wieder zu der Erkennis:

So kann und will ich nicht arbeiten. Ich funktioniere nur mehr.

Ich verfolgte mein Ziele: Endlich zu finden, wonach ich suchte. Die eine Sache die zu mir passt. Und in dieser Welt (über)leben zu können. Erst als ich entdeckte, dass ich vielbegabt und hochsensibel bin, war mir klar wonach ich suchte und was ich stillen wollte: Abwechslung und Vielfalt, Kreativität und Schaffensfreude, Zeit für Ruhe und Besinnung, Freiraum und Rückzug.

Ich weiß nun: Vielbegabte können nicht glücklich sein, wenn sie sich beschränken!

 

Meine 3 größten Fehler

  1. Ich war bloß im Kopf, grübelte permanent, war Meisterin im Hirnwichsen.
  2. Mein Fokus wanderte andauernd zu den anderen und ich war immer bemüht, die (oft nur vermuteten) Anforderungen anderer zu erfüllen.
  3. Ich passte mich an jede Situation und Rahmenbedingungen an, um ja "richtig" und "genug" zu sein (gut genug, schnell genug, "normal" genug).
 

Mein Geheimnis, das andere nicht erfahren durften

Ich traute mich nicht, mein Anderssein zu zeigen. Meiner Familie und meinen Freunden zu sagen: Ich bin anders als ihr denkt und mich (vermutet) haben möchtet.
 

Meine 3 größten Ängste

  1. Nicht geliebt zu werden wie ich bin.
  2. Nicht gut genug zu sein und zu versagen.
  3. In dieser Welt nicht (über)leben zu können.

 

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